Freitag, 2. Februar 2007

Stuttgarter Zeitung. 27. Januar 2007. Der Dichter aus dem andalusischen Schwarzwalddorf

Der Dichter aus dem andalusischen Schwarzwalddorf
Wie der spanische Gastarbeitersohn José F. A. Oliver seine doppelte Identität entdeckt und sich nicht nur im Kinzigtal einen Namen gemacht hat

In Hausach im Schwarzwald nennen sie ihn bewundernd ¸¸de Dichter". Aber nicht nur in seiner Heimat ist José F. A. Oliver so etwas wie ein Held. Der Schriftsteller mit den andalusischen Wurzeln ist auch ein kluger Pädagoge.

Von Irene Armbruster

Auf der linken Seite saßen die Lehrer, in der Mitte die große Familie und drum herum all die anderen Hausacher und Kinzigtäler. Es ist für jedes Literaturhaus ein Erfolg, wenn 250 Menschen kommen, um Gedichte zu hören. In den Verkaufskeller der Buchhandlung Streit in Hausach strömten mindestens so viele, um José F. A. Oliver bei der Vorstellung seines neuen Lyrikbandes "Unterschlupf" zu erleben. Am Ende gab es euphorischen Applaus, und viele blieben noch lange beim Wein. Wenn Oliver in seiner Heimatstadt liest, ist es ein gesellschaftliches Ereignis.

Hausach ist umgeben vom dunkelgrünen Tannenwald, und unten im Tal trennt der Fluss Kinzig das Städtle vom Neubaugebiet. Hausach ist nicht der schönste Ort im Kinzigtal. Das sagen zumindest die Bewohner des benachbarten Haslach und Gengenbach. Es gibt einen Wochenmarkt, eine Burgruine mit einem rekonstruierten Turm, und für die "Kurgäscht" hängen Schilder wie: 400 Meter bis zum Rathaus, 600 Meter bis zur Sparkasse.

Joachim Sartorius ist schon am Vormittag aus Berlin angereist. Der Lyriker, Kritiker und Intendant der Berliner Festspiele ist keiner, den es beim Begriff Schwarzwald zu Schwärmereien hinreißt. Während auf der gegenüberliegenden Seite der Straße Kunstdüngersäcke aus der Raiffeisengenossenschaft geschleppt werden, sitzt Oliver mit ihm und den anderen Kollegen aus Berlin, Österreich und Stuttgart am Tisch vor dem Gasthaus und trinkt einen Espresso nach dem anderen. Sie alle sind gekommen, weil es ihnen wie Sartorius geht. Sie wollen dabei sein, wenn Oliver zu Hause liest, in seinem "andalusischen Schwarzwalddorf". "Das Buch kommt erst heute richtig zur Welt', wird Sartorius am Abend sagen, und die Lehrer und Lokalreporter fühlen genau, was er meint.

In Hausach ist Oliver 1961 geboren, als Sohn einer andalusischen Familie. Die Eltern waren ins Kinzigtal gekommen, weil die mittelständische Industrie Arbeiter brauchte. Metall wird erfolgreich verarbeitet, damals auch Textil. Heute ist das Industriegebiet größer als die Innenstadt um die katholische Kirche herum, wo Oliver wohnt. "De Dichter" nennen sie ihn hier. Wenn er durch die Stadt geht, grüßt ihn jeder. Wer seine Gedichte nicht liest, kennt seine Narrenchronik. Und beim "Schnurre", einer nicht erklärbaren Form von Kabarett zu Fasnacht, bei der alles und jeder durch den Kakao gezogen wird, ist Oliver der Star. Inzwischen ist er im Hausacher Elferrat, eine Art Regierung der Narren - und das in einer Narrenzunft, die der schwäbisch-alemannischen Fastnacht angehört.

Die Geschichten aus seiner Kindheit klingen wie aus dem Geschichtsbuch der Gastarbeiter: Die Eltern schuften rund um die Uhr, alle zwei Jahre wird das Auto mit Geschenken gefüllt, und nach vier Tagen Leben auf der Rückbank herzen einen die Tanten in einem andalusischen Ort. Die Verwandtschaft versteht man schlecht. Heute lebt die Mutter vier Häuser von José entfernt, die Familien der Geschwister sind Nachbarn. Dennoch ist es auch eine andere Geschichte: Das Ehepaar in der Wohnung unter den Olivers bringt dem Jungen die deutsche Sprache bei, und die Lehrer leihen ihm die Bücher aus. Heutzutage nennt man das Integration.

Als er Anfang zwanzig ist und in Freiburg studiert, bemerkt er, dass er der spanischen Sprache nur begrenzt mächtig ist. Ihn drängt die Frage nach seiner Identität. Spanischer Hausacher oder doch Schwarzwälder Andalusier? Bei der Verleihung des Adelbert-von-Chamisso-Preises 1996 nannte der Laudator ihn den Heimatdichter mit der doppelten Heimat und stellte den Vergleich zwischen dem Olivgrün des Schwarzwaldes und Andalusiens her. Auch wenn andere Themen hinzugekommen sind, bis heute untersucht Oliver die Sprachen, egal, ob es das Spanische, Katalanische (sic), das Deutsche oder Alemannische ist. Er bricht Wörter auf, setzt sie neu zusammen, spricht sie, hört ihrem Klang nach - und plötzlich entsteht ein Gefühl, eine Ahnung, was Sprache ausdrücken kann.

In dieser ersten Phase beginnt das, was er bis heute extensiv tut: das Lesen an Schulen. Es war ungewöhnlich in den achtziger Jahren im Kinzigtal: Da saß ein Gastarbeitersohn vor einer Klasse und sprach über seine Gefühle. Er trug selbst übersetzte Gedichte von Federico García Lorca vor, nahm die Gitarre, sang ein spanisches Liebeslied und erklärte, wie seine eigenen Gedichte entstehen. Oliver hat Generationen von Teenagern mit der Botschaft konfrontiert: Ich bin der andere Hausacher - und es ist verdammt noch mal eine Bereicherung für euch. Oliver ist ein erfolgreicher Erzieher. Hausach hat sich mit seinen inzwischen 41 Nationalitäten verändert. Aber Oliver hat auch Hausach verändert, "umgemodelt", wie Sartorius sagt. Im nächsten Jahr wird er zum zehnten Mal den "LeseLenz" veranstalten, Dichterfreunde und Kollegen aus aller Welt nach Hausach bringen. Vielleicht wird Hausach eine Art Donaueschingen der modernen Lyrik. Oliver hat sich ein Publikum für Literatur herangezogen. Der Dichter Rainer Kunze - und das erzählt Oliver nicht ohne Stolz - sei sehr skeptisch in die Schwarzwälder Provinz gekommen, aber begeistert wieder abgereist.

An diesem Abend in der Buchhandlung steht José F. A. Oliver im Mittelpunkt, und alle Zuhörer wissen längst, dass der Lyrikband "Unterschlupf" aus einem kosmopolitischen Erfahrungsschatz komponiert wurde und dass ihr Dichter international Erfolg hat. Oliver ist viel unterwegs in der Welt, und wenn er zurückkommt, fragen sie kurz: Wie goht"s? "Sie lassen mich hier in Ruhe ankommen", sagt Oliver, der seine Koffer immer eine ganze Weile ungeöffnet lässt. Niemand drängt, niemand verlangt Antworten. Oliver hat sich seinen Freiraum erkämpft, seine Lebensform als reisender Poet, der immer wieder nach Hausach zurückkehrt.

Er hat in Kairo als Stadtschreiber gelebt, in Cambridge als Gastdozent gelehrt, in Rumänien Schreibwerkstätten veranstaltet, und nächstes Jahr reist er wieder für Lesungen nach Damaskus und Beirut. Er hat einige literarische Preise gewonnen, Stipendien genossen. Joachim Sartorius hörte ihn zum ersten Mal in München im spanischen Kulturinstitut. Am häufigsten fährt Oliver aber die zwei Stunden von Hausach nach Stuttgart. Hier gehört er zum Literaturhaus, und ganz selbstverständlich sind auch die Kollegen mit ihrem Leiter Florian Höllerer nach Hausach zur Lesung gefahren. Höllerer, in Berlin aufgewachsen, fällt an diesem Abend in der Provinz die Geschichte seines Vaters Walter Höllerer ein. Der bekannte Autor und Germanist habe stets mit großer Leidenschaft an seinem Heimatdorf Sulzbach in der Oberpfalz gehangen. Er habe immer verschmitzt behauptet, es müsse ihm erst mal einer beweisen, dass Sulzbach nicht das Zentrum der Welt sei. "Vielleicht", fügte Höllerer an diesem Abend hinzu, "schafft man es überall, wenn man es hier schafft."

Der Auftritt, die verkauften Bücher sind für Oliver das eine, das andere ist die kontinuierliche Arbeit mit jungen Leuten. Das Literaturhaus in Stuttgart, wo er all seine Bücher vorstellt und für Kollegen moderiert, bietet ihm dafür die Ressourcen. Er hat die Schreibwerkstätten für Jugendliche mitentwickelt, die Lyrik-Werkstatt leitet er. Jetzt ist die Robert Bosch Stiftung eingestiegen, das Kultusministerium und das Landesinstitut für Schulentwicklung. Literatur wird zu Unterricht, und Oliver plant mit Achtklässlern der Realschule Ostheim einen ganzen Roman.

Deswegen sind sie auch zur Vorstellung von "Unterschlupf" ins Stuttgarter Literaturhaus gekommen. Bevor es losgeht, findet ihr Deutschlehrer mahnende Worte. Eine Stunde gehe die Lesung, und in dieser Stunde wolle er keinen Ton hören. Er hätte sich keine Sorgen machen müssen - nicht, dass sie nicht manchmal gekichert hätten. Aber dann passiert, was immer passiert, wenn Oliver liest, vorträgt, singt und erklärt. Es entsteht ein Sog, der selbst Achtklässler mitzieht. Oliver ist ein begnadeter Performer. Schwarzes Hemd, schwarzer Anzug mit Weste, die schwarz umrandete Brille so tief auf der Nase, dass er über den Rand die Gesichter der Zuhörer sehen kann. Zusammen mit den beiden Jazzern Andreas Krennerich und Gerd Vierkötter entwirft er ein Klangbild aus Wörtern, Tönen und Pausen. Als die Achtklässler, die ein Drittel ihrer Deutschstunden mit Oliver verbringen, die Treppen des Literaturhauses wieder hinuntersteigen, bilden sie Wortketten in Rap-Manier.

Zu Beginn des Schuljahres hat er sie alle nach ihren Namen gefragt. Er wollte, dass sie die Geschichte erzählen, die hinter ihren Namen steckt. Also sind sie nach Hause gegangen und haben nachgefragt. Und plötzlich waren Erzählungen im Raum aus Kroatien, Albanien, der Türkei, aus Ostheim. Solche Erlebnisse begeistern José F. A. Oliver: Wenn Menschen sich plötzlich ausdrücken, wenn sie erfahren, dass das, was sie zu sagen haben, interessiert. ¸¸Und plötzlich hat die Sprache an sich wieder einen Wert."

(Stuttgarter Zeitung, 27.01.2007)

Freitag, 12. Januar 2007

preguntitas a una rosa blanca. Musik und Text: José Oliver

preguntitas-a-una-rosa-blanca-lied-oliver (mp3, 4,102 KB)

Donnerstag, 28. Dezember 2006

1zeiler. Weih-

nacht. 2006

schau, das verwundete licht

© josé f.a. oliver

Sonntag, 17. Dezember 2006

heimwärts in Bern

die schneegefährten bündeln ihr weiß
hinter dem nebel. Später november
in Bern. Der abend
stellt sätze ins fenster. „Die
Berge“, sagt Elisabeth,
bereiten sich auf Weihnachten vor“.

Das licht schnürt uns den kinderschuh & bald
ist gestern. Ein schneedocht & brennt



(aus: José F.A. Oliver. finnischer wintervorrat. Gedichte. Suhrkamp.2005)

Tages-Anzeiger. Zürich. 09.12.2006. Von Ilija Trojanow

José Oliver: "Unterschlupf" (Suhrkamp). Der Gedichtband des Jahres. Eigensinnig origineller im Zusammfluss der Sprachklänge dichtet auf Deutsch keiner, ob in Hausach oder in Alexandria: "die sich vergreifende fremde / aus ich & ich"
(Ilija Trojanow)

Freitag, 8. Dezember 2006

Rheinischer Merkur. 07.12.2006

"Olivers Gedichte sind Musik, der Cante Jondo Spaniens vermischt sich mit einem spröden badischen Ton. Alles stimmt hier: Hauchen und Fauchen nehmen klangliche, dichterische Gestalt an."
(Andreas Öhler)

Dienstag, 14. November 2006

José F.A. Oliver. Unterschlupf. Suhrkamp 2006

20er. Tiroler Straßenzeitung. Nr.80. Nov. 2006



Es gibt Bücher, die zu lesen, man nicht nur empfehlen, sondern fast schon verpflichten muss. Weil sie alles widerspiegeln, was sich ein leidenschaftlicher Leser wünscht: Tiefen, Inhalt, feinstes Wortgespür und einen beseelten Gedanken. Ein Kleinod dieser seltenen Art ist der vorliegende Gedichtband dieses Ausnahmepoeten spanischer Herkunft, der geradezu mit Wollust das Sprachexperiment betreibt. Seine Bilder und Wortkreationen sind gleichermaßen Musik und Stille, das Fließen von Atem und das Anhalten der Luft. Und man mag es für möglich halten oder nicht, jeder dieser kurzen und kürzesten Texte erzählt den Stoff eines ganzen Buches, ist eine Geschichte der Generationen und hat gleichsam einen realistischen Bezug zum Hier und Jetzt. Aber viel schöner noch als das ist die Gewissheit, die man ab der ersten Seite hat, nämlich diesen Band wenigstens ein zweites Mal sowie das Gesamtwerk dieses großartigen Interpreten deutscher Sprache baldmöglichst zu lesen. (koma)

Montag, 23. Oktober 2006

verse, nomadenfiebrig

verse, nomadenfiebrig

José F.A. Oliver dichtet an den Grenzen der Sprachen und der Sprache

Von Jochen Werner

Wanderer zwischen den w:orten

»ahornpropeller.Davon 1 ahnung von
. ug &luftverstreichen « – auf solch
eigenwillige Art beschreibt José F.A.
Oliver das Wesen seiner »poesie « im
so betitelten Gedicht.Die Texte des im
Schwarzwald aufgewachsenen Lyrikers
andalusischer Herkunft stehen dabei,
trotz des derzeit boomenden Diskur-
ses um die sogenannte Immigranten-
literatur,durchaus einzigartig in der
deutschen Gegenwartsliteratur.Oliver
nutzt seine Position als Wanderer zwi-
schen den Welten und zwischen den
Worten – von ihm immer wieder zu-
sammengeführt in der Schreibung »w:
orten « –,um deren nur scheinbare Ein-
deutigkeit immer wieder aufzubrechen
und Verse von geradezu sprachmagi-
scher Schönheit zu schaffen:»vom zeit-
farn das wort /entzingelt/zum vers-/
gedächtnis aufgesungen /wie man per-
len reiht « (»um eine mitte «).

»1 erstes weltaufstöbern «
Olivers Lyrik ereignet sich in unter-
schiedlichen Grenzzonen;an den
Grenzen unterschiedlicher Sprachen
und Dialekte,an den Grenzen der
Identität,an den Grenzen der Seman-
tik.Und nicht zuletzt an der Grenze
zwischen Mündlichkeit und Schrift-
lichkeit;bedürfen doch einerseits die
Verse unbedingt des Vortrages,um in
ihrer Rhythmik und ihrem Klang ganz
erfasst zu werden,und sperren sich
diese andererseits doch immer wieder
gegen das laute Lesen,indem sie die
Mittel der Typographie zur Kreation
von Brüchen nutzen.»Schwer /nur
den rhythmus zu . nden /ins ohr.«
(»erstes herz «)So sind Olivers w:orte
oft »so reichbar nah « (»kompaß &
dämmerung «),und bewahren sich
doch stets ihre grundlegende Fremd-
heit,die jenen gar nicht verkopften,
sondern zutiefst emotionalen Zauber
ermöglicht,mit dem Oliver sein »ver /
schleuderHERZ &billig-/HERZ « (»ers-
tes herz «)öffnet und in die Welt trägt,
ohne banale Be . ndlichkeitslyrik zu
produzieren.Stattdessen geht es stets
auch darum,das Wesen der Gefühle
und ihres sprachlichen Ausdruckes
zu ergründen:»SPRACH /fühlpendel
(pendelHERZ)sprachherztakt /der
das sagen hält /überm bildgesumpften
grund « (»ansch:reibungen,nachts «).Es
ist »1 erstes weltaufstöbern « (»&dies
verbünden uns augennährte &schöpft
ins hören schöpft die welt «),und es ist
ein Befragen der Worte nicht nach ver-
schütteter Bedeutung,sondern nach
ihrer reinen Potenzialität.

»ausbildern &widerhören «
Es geht auch um Zeit in Olivers Lyrik,
denn »jedes gedicht ist 1 altern « (»bio-
graphisches gedicht 1 «),und das Spre-
chen ist auch immer Sprechen gegen
den Tod,der jenseits der Sagbarkeit
steht:»aber dies sprachschwere nach
/:schwere gefälle am eingekerbten /
blick aber diese abschiede und /die lip-
pen wie auggespannt fern « (»abschied
und schwer-«).In seinem stetigen Be-
harren darauf,das nicht Sagbare und
kaum Denkbare zumindest fühlbar zu
machen,treibt Oliver seine Widerha-
ken in die Sprache,die er an ihre Gren-
zen treibt und manchmal ein kleines
bisschen darüber hinaus.Dann steht
dort,monolithisch,ein poetisches,rät-
selhaftes,niemals ganz fassbares Bild.
Ja,darum geht es wohl vor allem in
Olivers Gedichten:um »ausbildern &
widerhören « (»erstes herz «).

::José F.A.Oliver:finnischer winter-
vorrat.Gedichte,Suhrkamp Ver-
lag,Frankfurt am Main 2005,105 S.
7,50 Euro.
::José F.A.Oliver:Gastling.Gedichte.
Das Arabische Buch,Berlin 1993,105
S.(Neuauflage ab April 2006 im Ver-
lag Hans Schiler)


goon-magazine.de. Magazin für Gegenwartskultur.
Nr. 17. Frühling 2006

Sonntag, 22. Oktober 2006

Badische Zeitung, 18. Oktober 2006

Den Leser erwartet Arbeit — äußerst lohnende
Der Dichter José F. A. Oliver präsentierte in seiner Hausacher Heimat seinen neuen Suhrkamp-Band "unterschlupf"

HAUSACH. Nach der Frankfurter Buchmesse und dem Literaturhaus Stuttgart präsentierte sich der Dichter Josè F. A. Oliver jetzt mit seinem neuen Buch "unterschlupf" vor heimischem Publikum in der Hausacher Buchhandlung Streit. Wie von früheren Buchvorstellungen gewohnt ergänzten Musiker, Gerd Vierkötter am Schlagzeug und Andreas Krennerich am Saxophon, den Dichter.

Neben Joachim Sartorius, dem ehemaligen Leiter der Goethe-Institute, und dem Leiter des Stuttgarter Literaturhauses war unter anderem ein Berichterstatter der Stuttgarter Zeitung angereist, der den Hausacher Autor auch vor heimischem Publikum erleben wollte.

Mit einem Emily-Dickinson-Zitat "water is taught by thirst" begann Sartorius: "Was Wasser ist, sagt uns der Durst — was Menschen sind, sagt uns die Sehnsucht." Sartorius betonte Olivers Verwurzelung in Hausach — die sich nicht nur in Mundartwörtern wie Säsle oder Krizzeiche erschöpft — und seine Reisen ans Ende der Welt, die sich in Bildern und Klängen von Orten wie Andalusien, der Heimat von Olivers Vorfahren, Kairo und Casablanca spiegelt. Oliver stehe in der Tradition von Dichtern wie Federico García Lorca, Konstantinos Kavafis, Paul Celan und Fuad Rifka, die auch in manchen Gedichten aufscheine. Der Hausacher wolle die besinnungslose Sprache aushebeln, die Wörter abklopfen, verschüttete Bedeutungen freilegen, er habe Lust am sprachlichen und formalen Experiment, setze ganz auf Klang und Rhythmus, erreiche oft den von Ezra Pound beschriebenen Zustand der Epiphanie. Dazu komme Olivers unglaubliche Bühnenpräsenz.

Die wollte sich aber gar nicht wie gewohnt einstellen, Oliver war zunächst sichtlich nervös. Und doch, im Zusammenspiel mit der Musik erschloss sich die Magie der Texte. Manchmal schien das Saxophon den Wortfindungsprozess nachzuahmen: Eine Phrase in den Raum gestellt, immer wieder mit minimalen Abwandlungen wiederholt, bis sich im Zusammenspiel mit dem Schlagzeug die endgültige Fassung von Klang und Rhythmus herausschälte.

Erst mit Musik, mit Olivers Stimme, stellt sich der Zauber seiner Texte ganz ein. Den Leser erwartet Arbeit. Olivers Texte sind vielstimmig, vielschichtig, vieldeutig. Schlüsselwörter wie Ohr, Auge und Zunge tauchen immer wieder in Variationen auf. Oliver spielt mit Doppelpunkten und Klammern, setzt für den Leser Pausen für Denkimpulse. Wenn Oliver vorliest, muss er sich immer für eine Version entscheiden. Dieser Festlegung entgeht er, indem er manche Texte bewusst zweimal, auf verschiedene Arten liest. Der Autor wird, was er beschreibt: "Lautschwamm" , "schreibspur ganz" .
Wendelinus Wurth

José F. A. Oliver: "unterschlupf" . Suhrkamp (ISBN: 3-518-41817-3) 12.90 Euro

Frankenpost, 14. Oktober 2006

Lyriker Oliver: Wörterfindlinge


VON RALF SZIEGOLEIT
HOF – „poesie“ schreibt er als Titel über ein einzeiliges Kurzgedicht, und das geht so: „ahornpropeller. Davon 1 ahnung von flug & luftverstreichen.“ José F.A. Oliver heißt der Dichter, der am Donnerstagabend, als Gast des Literaturbureaus und des Hofer Kunstvereins, in der Galerie im Theresienstein las. Er baue Wortpaläste selbst für die kleinsten Dinge, sagte Gastgeber Thanos Kießling von ihm.
Mit vier bei Suhrkamp erschienenen Gedichtbänden, zuletzt „finnischer wintervorrat“ und „unterschlupf“, hat sich Oliver, der 1961 als Sohn spanischer Gastarbeiter im Schwarzwald geboren wurde, einen Namen gemacht. Er war Stadtschreiber in Kairo und Dresden (damals kam er häufiger an Hof vorbei), auch Gastprofessor in den USA. Die Fachwelt lobt ihn dafür, dass er uns lösen wolle vom schweren Zungenschlag der tagtäglichen Sprache und zurückführen zu ihrem eigentlichen Ursprung, dem Klang.
„Sie werden“, sagt er seinem kleinen Hofer Publikum, „vielleicht nicht alles verstehen, das ist gut so.“ Er schreibe ja, was er selbst nicht verstehe – und freilich heiße das nicht, dass er nicht wisse, worüber er schreibe. Entwurf und unendliche Annäherung sei jedes Gedicht, ein Dialog mit sich selber, der Welt und vielen Dichtern, insbesondere den „drei Säulen der Moderne“ – Kavafis, Pessoa, Kafka.
Er erklärte und erzählte viel – vom Leben und vom Schrei-
ben –, er erleichterte den Zugang zu den Texten, indem er viele zwei Mal vortrug, und so war es, obwohl man nicht alles verstand – nein, bei weitem nicht –, ein unterhaltsamer, spannender und erhellender Abend, nicht nur eine Lesung, sondern eine poetologische Reflexion dazu.
Wo beginnt ein Gedicht? Zum Beispiel, sagt Oliver, vor einem Muhammad-Ali-Plakat, das die Erinnerung weckt an jenen WM-Boxkampf in Afrika, dessen nächtliche TV-Übertragung er mit dem Vater anschauen durfte: „wie er sein bier / wie er im unterhemd / wie er mit jedem schlag / wie er kommentierte / wie er mit jedem schlag / wie jeder schlag / wie jeder schlag erwachsensein.“
Viele Gedichte des Autors sind auf Reisen entstanden. Sie erzählen von dem, „was nicht im reiseführer steht“. Im „improvisierten versteck“ sortiert Oliver seine „wörterfindlinge“ und gelangt zum „treffsicheren stillstand des denkens“. „deine augen“, sagt er zum Abschied, „ließen mir eine uhrzeit zurück. Davon nehme ich dem kommenden 1 stunde ab.“

Neue Passauer Presse, 12. Oktober 2006

José F. A. Oliver bietet Unterschlupf im Augenfroh


Eine berührende Lyriklesung im Scharfrichterhaus



„Sie stellen wunderbare Sprachskulpturen in den Raum“, brachte es eine Besucherin der Lyrik-Lesung im Scharfrichterhaus am Dienstagabend auf den Punkt. José F. A. Oliver nahm die Zuhörer mit auf eine ebenso betörende wie verzaubernde Reise. Der Dichter andalusischer Herkunft, aufgewachsen im Schwarzwald im Mit- und Gegeneinander des deutsch-alemannischen und spanisch-andalusischen Sprachraums, war unter anderem Stadtschreiber in Kairo und Gastprofessor in Cambridge (USA). Wo immer er ist, sucht er nach Begegnungen, nach Momenten, die ihn berühren, die etwas in ihm so zum Klingen bringen, dass daraus Gedichte entstehen. „Oft ein wochen-, monate-, gar jahrelanger Prozess des Werdens“, betont er.
Vielleicht sei jedes Gedicht der Entwurf eines Gedichtes, das wir nie schreiben werden, erinnert er an Octavio Paz. Und plötzlich verbindet sich alles. Aus mehreren Geschichten wird die eigene. Wie er die berührenden Momente findet? Er schildert die Antwort eines vierjährigen Kindes auf die Frage nach seiner Lieblingsfarbe: „Manchmal blau, manchmal rot, immer die Mama.“ Viel poetische Spannung baut Oliver auf, er spricht von „einer schweren Zartheit, einem Augenfroh“, vom ins Meer gewachsenen Fernweh an einer Kaimauer auf Kuba, davon, wie sein Dichterfreund Konstantinos Kafafis sich den Tod ins Alphabet lieh oder ihn der arabische Lyriker Fuad Rifka an „die in Bücher geschlagene Zeit“ erinnerte.
Als singuläre Erscheinung unter den deutschsprachigen Dichtern hat ihn Joachim Sartorius bezeichnet. Und Fritz J. Raddatz meint: „Er gibt den Worten ein Eigengewicht - oder nimmt sie beim Eigen-Sinn -, dass Inhalte mit der Leichtigkeit von Schmetterlingsflügeln transportiert werden. Schreiben sei kein Rätsel, sagt Oliver selbst, vielmehr ein ständiges In-Dialog-Stehen mit sich selber. Er erzählt, wie ihn die Nacht des Muhammad Ali in Zaire berührt hat, ihn erwachsen gemacht hat, und das Gedicht dazu ist ein Erinnern, eine Notat, eine Huldigung an einen unvergesslichen Moment. Held war der Boxer und Held war der eigene Vater.
„Kleines Land, färbt sich rot, kleines Land ist aus Blut“, er erinnert an den spanischen Bürgerkrieg, singt a capella ein Kinderwiegenlied von F. G. Lorca. Seine Gedichtbände sind bei Suhrkamp erschienen und heißen unter anderem „fernlautmetz“, „nachtrandspuren“, „finnischer Wintervorrat“ und ganz aktuell „unterschlupf“. Letzteren fanden die Zuhörer in einer lyrischen Sprachwelt, die zugänglicher ist als viele meinen.
Stefan Rammer

Schwarzwälder Bote, 11.10.2006

Ein "unterschlupf", der die Sinne schärft

Hausach. "Das Buch geht jetzt seine eigenen Wege", schließt José F. A. Oliver seine Lesung in der Buchhandlung Streit. "Ich bin gespannt, wo es mich hinführt."

Damit ist viel gesagt: "unterschlupf", sein vierter Gedichtband im Suhrkamp Verlag, ist ein Reisebuch - in innere und äußere Welten, wie es Joachim Sartorius, Lyriker und Intendant der Berliner Festspiele, in seiner Einführung beschreibt. Andalusien, Ägypten, Marokko, diese Orte tauchen auf und wären doch nichts ohne die Wurzeln in Hausach. So ist Oliver im besten Sinn "subjektiv radikal". Er dringt tief unter die Oberfläche ein.

Beispielsweise, wenn José Oliver von seinem Ägyptenaufenthalt spricht: "Ich fühlte mich in Kairo nicht einen Augenblick lang fremd", berichtet er, weil die Straßen ihn an das Andalusien der 60er-Jahre erinnerten - und so finden beide Orte zueinander und verdichten sich. "Hautklang im Hören" schreibt der Lyriker über seine Eindrücke, die für den so offensichtlich erscheinen, der wie Oliver zu beobachten vermag. Joachim Sartorius findet daher für den Buchtitel "unterschlupf" eine passende Deutung: Es sei ein "schützender Raum", ein Buch, "in dem wir unsere Sinne messen und Antennen schärfen können". Das Besondere und Verbindende in seinem Werk sei Olivers lyrische Sprache, die das "Besinnungslose" aufbreche, durch neue Laut- und Wortfügungen "die ursprüngliche Kraft wiederentdecken" lässt. Und in allem schwingen Zärtlichkeit und Menschlichkeit mit. Das macht die besondere Atmosphäre der Lesung aus, der sich unter anderen Heinz D. Heisl und Robert Renk - langjährige Weggefährten und treue Gäste in Hausach - hingeben.

So ist der Montagabend vor allem ein sinnliches Erlebnis. Zwischen Olivers Texten improvisieren Andreas Krennerich am Saxofon und Gerd Vierkötter am Schlagzeug zu den Zeilen. Ihre Musik entzieht sich dem herkömmlichen Begreifen - so wie auch die "kostbaren Intarsien", die Joachim Sartorius in Olivers Büchern findet. "Leuchten sie ein?" Vielleicht nicht auf Anhieb, es mag zunächst mühsam sein, sich einzufinden und einzuhören. "Dann gibt es aber reiche Belohnung."

(Meinrad Kempf, Schwarwälder Bote, 11.10.2006)

Offenburger Tageblatt, Mittelbadische Presse, 11.10.2006

Zärtliche Annäherung an den Menschen
José F. A. Oliver stellte Gedichtband »unterschlupf« vor / Auf der Frankfurter Buchmesse 25-mal geklaut

Buchpremiere feierte der Hausacher Lyriker José F. A. Oliver mit der Vorstellung seines vierten beim renommierten Suhrkamp-Verlag erschienenen Lyrikbandes »unterschlupf«.
Von: Andreas Buchta, Hausach.

Viele waren am Montagabend in die Buchhandlung Streit gekommen zur Buchpremiere des Hausacher Lyrikers José F. A. Oliver: Prominente, Fachleute, Kollegen, Freunde oder einfach an Olivers Lyrik Interessierte. Begleitet wurde die Buchpräsentation von einem Duo mit Andreas Krennerich (Saxofone) und Gerd Vierkötter (Schlagzeug).»Etwas aufgeregt« zeigte sich Joachim Sartorius, Intendant der Berliner Festspiele, Freund und Dichterkollege Olivers; aufgeregt, in der Heimat des Dichters über dessen neues Buch zu sprechen. »Denn das Buch kommt erst heute richtig zur Welt!« Es sei eines der wichtigen Bücher auf der Frankfurter Buchmesse gewesen: »Es ist dort 25-mal geklaut worden – ein Merkmal seiner Wichtigkeit!« Sartorius sprach von der »Menschensehnsucht« des Dichters, die sich in der Verwurzelung in seiner Schwarzwaldheimat zeige und von der »Weltsehnsucht« bei seinen Reisen »an die Grenzen der Welt«: »Zärtliche Annäherung an den Menschen besitzt er in hohem Maße«, sagte Sartorius. Er habe bei der Reise hierher nach Hausach die »Verortung« Olivers erst richtig verstanden. Große Kunst nämlich verbinde Heimat subjektiv mit allgemeiner, weltläufiger Erfahrung. Das Buch »unterschlupf« schärfe die Sinne. Der Autor, dessen »unglaubliche Bühnenpräsenz« man erlebt haben müsse, sehe und höre genau hin, um Sprache in ihren verschütteten (und in neuen) Bedeutungen wieder sichtbar zu machen. Von seinen »äußeren und inneren Reisen« habe Oliver reiche lyrische Beute mitgebracht.José F. A. Oliver las und erzählte aus verschiedenen Büchern, immer wieder abgelöst von Andreas Krennerichs Saxofon und Gerd Vierkötters Schlagzeug, kurze Sequenzen einer leisen, »lyrischen« Musik, wie geschaffen für genau diesen Autor. Denn dessen eindringliche, tiefgehende Stimme verlangte geradezu nach dieser Musik. Oliver sprach vom »Worttrieb im Zettelkasten«, mit dem er den Wörtern nachspürt, von Gedichten, die im Haus des »seelenverwandten«, verstorbenen Dichters Konstantin Kavafis in Alexandria entstanden, von »verschütteter Helle«. Wiegenlied für LorcaEin in unerhörtem Stakkato vorgetragenes andalusisches Wiegenlied, Garcia Lorca gewidmet, ging unvermittelt über in ein gesungenes Lied, wo seine schöne Stimme noch mehr zum Tragen kam als bei den Wortvorträgen. Von Kairo erzählte der Dichter und von Casablanca und der »Handelsmetropole Gehsteig«, wo er »schreibspur ganz« ist und »der sich an die Rücken heftet«. Von einer verzaubernden »Engelin« auf der Eisbahn erzählte der Dichter und von seiner »Komplizenschaft« mit Joachim Sartorius, dem er ein ganzes Gedicht widmete. Als Abschluss zitierte er mit warmer Stimme das letzte Gedicht aus seinem Buch »unterschlupf«, ein Gedicht über Don Quichotte.Sichtlich tief beeindruckt spendete das Publikum herzlichen Beifall; im Anschluss traf man sich bei einem Glas Wein zu vertiefenden Gesprächen

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