Stuttgarter Zeitung. 27. Januar 2007. Der Dichter aus dem andalusischen Schwarzwalddorf
Der Dichter aus dem andalusischen Schwarzwalddorf
Wie der spanische Gastarbeitersohn José F. A. Oliver seine doppelte Identität entdeckt und sich nicht nur im Kinzigtal einen Namen gemacht hat
In Hausach im Schwarzwald nennen sie ihn bewundernd ¸¸de Dichter". Aber nicht nur in seiner Heimat ist José F. A. Oliver so etwas wie ein Held. Der Schriftsteller mit den andalusischen Wurzeln ist auch ein kluger Pädagoge.
Von Irene Armbruster
Auf der linken Seite saßen die Lehrer, in der Mitte die große Familie und drum herum all die anderen Hausacher und Kinzigtäler. Es ist für jedes Literaturhaus ein Erfolg, wenn 250 Menschen kommen, um Gedichte zu hören. In den Verkaufskeller der Buchhandlung Streit in Hausach strömten mindestens so viele, um José F. A. Oliver bei der Vorstellung seines neuen Lyrikbandes "Unterschlupf" zu erleben. Am Ende gab es euphorischen Applaus, und viele blieben noch lange beim Wein. Wenn Oliver in seiner Heimatstadt liest, ist es ein gesellschaftliches Ereignis.
Hausach ist umgeben vom dunkelgrünen Tannenwald, und unten im Tal trennt der Fluss Kinzig das Städtle vom Neubaugebiet. Hausach ist nicht der schönste Ort im Kinzigtal. Das sagen zumindest die Bewohner des benachbarten Haslach und Gengenbach. Es gibt einen Wochenmarkt, eine Burgruine mit einem rekonstruierten Turm, und für die "Kurgäscht" hängen Schilder wie: 400 Meter bis zum Rathaus, 600 Meter bis zur Sparkasse.
Joachim Sartorius ist schon am Vormittag aus Berlin angereist. Der Lyriker, Kritiker und Intendant der Berliner Festspiele ist keiner, den es beim Begriff Schwarzwald zu Schwärmereien hinreißt. Während auf der gegenüberliegenden Seite der Straße Kunstdüngersäcke aus der Raiffeisengenossenschaft geschleppt werden, sitzt Oliver mit ihm und den anderen Kollegen aus Berlin, Österreich und Stuttgart am Tisch vor dem Gasthaus und trinkt einen Espresso nach dem anderen. Sie alle sind gekommen, weil es ihnen wie Sartorius geht. Sie wollen dabei sein, wenn Oliver zu Hause liest, in seinem "andalusischen Schwarzwalddorf". "Das Buch kommt erst heute richtig zur Welt', wird Sartorius am Abend sagen, und die Lehrer und Lokalreporter fühlen genau, was er meint.
In Hausach ist Oliver 1961 geboren, als Sohn einer andalusischen Familie. Die Eltern waren ins Kinzigtal gekommen, weil die mittelständische Industrie Arbeiter brauchte. Metall wird erfolgreich verarbeitet, damals auch Textil. Heute ist das Industriegebiet größer als die Innenstadt um die katholische Kirche herum, wo Oliver wohnt. "De Dichter" nennen sie ihn hier. Wenn er durch die Stadt geht, grüßt ihn jeder. Wer seine Gedichte nicht liest, kennt seine Narrenchronik. Und beim "Schnurre", einer nicht erklärbaren Form von Kabarett zu Fasnacht, bei der alles und jeder durch den Kakao gezogen wird, ist Oliver der Star. Inzwischen ist er im Hausacher Elferrat, eine Art Regierung der Narren - und das in einer Narrenzunft, die der schwäbisch-alemannischen Fastnacht angehört.
Die Geschichten aus seiner Kindheit klingen wie aus dem Geschichtsbuch der Gastarbeiter: Die Eltern schuften rund um die Uhr, alle zwei Jahre wird das Auto mit Geschenken gefüllt, und nach vier Tagen Leben auf der Rückbank herzen einen die Tanten in einem andalusischen Ort. Die Verwandtschaft versteht man schlecht. Heute lebt die Mutter vier Häuser von José entfernt, die Familien der Geschwister sind Nachbarn. Dennoch ist es auch eine andere Geschichte: Das Ehepaar in der Wohnung unter den Olivers bringt dem Jungen die deutsche Sprache bei, und die Lehrer leihen ihm die Bücher aus. Heutzutage nennt man das Integration.
Als er Anfang zwanzig ist und in Freiburg studiert, bemerkt er, dass er der spanischen Sprache nur begrenzt mächtig ist. Ihn drängt die Frage nach seiner Identität. Spanischer Hausacher oder doch Schwarzwälder Andalusier? Bei der Verleihung des Adelbert-von-Chamisso-Preises 1996 nannte der Laudator ihn den Heimatdichter mit der doppelten Heimat und stellte den Vergleich zwischen dem Olivgrün des Schwarzwaldes und Andalusiens her. Auch wenn andere Themen hinzugekommen sind, bis heute untersucht Oliver die Sprachen, egal, ob es das Spanische, Katalanische (sic), das Deutsche oder Alemannische ist. Er bricht Wörter auf, setzt sie neu zusammen, spricht sie, hört ihrem Klang nach - und plötzlich entsteht ein Gefühl, eine Ahnung, was Sprache ausdrücken kann.
In dieser ersten Phase beginnt das, was er bis heute extensiv tut: das Lesen an Schulen. Es war ungewöhnlich in den achtziger Jahren im Kinzigtal: Da saß ein Gastarbeitersohn vor einer Klasse und sprach über seine Gefühle. Er trug selbst übersetzte Gedichte von Federico García Lorca vor, nahm die Gitarre, sang ein spanisches Liebeslied und erklärte, wie seine eigenen Gedichte entstehen. Oliver hat Generationen von Teenagern mit der Botschaft konfrontiert: Ich bin der andere Hausacher - und es ist verdammt noch mal eine Bereicherung für euch. Oliver ist ein erfolgreicher Erzieher. Hausach hat sich mit seinen inzwischen 41 Nationalitäten verändert. Aber Oliver hat auch Hausach verändert, "umgemodelt", wie Sartorius sagt. Im nächsten Jahr wird er zum zehnten Mal den "LeseLenz" veranstalten, Dichterfreunde und Kollegen aus aller Welt nach Hausach bringen. Vielleicht wird Hausach eine Art Donaueschingen der modernen Lyrik. Oliver hat sich ein Publikum für Literatur herangezogen. Der Dichter Rainer Kunze - und das erzählt Oliver nicht ohne Stolz - sei sehr skeptisch in die Schwarzwälder Provinz gekommen, aber begeistert wieder abgereist.
An diesem Abend in der Buchhandlung steht José F. A. Oliver im Mittelpunkt, und alle Zuhörer wissen längst, dass der Lyrikband "Unterschlupf" aus einem kosmopolitischen Erfahrungsschatz komponiert wurde und dass ihr Dichter international Erfolg hat. Oliver ist viel unterwegs in der Welt, und wenn er zurückkommt, fragen sie kurz: Wie goht"s? "Sie lassen mich hier in Ruhe ankommen", sagt Oliver, der seine Koffer immer eine ganze Weile ungeöffnet lässt. Niemand drängt, niemand verlangt Antworten. Oliver hat sich seinen Freiraum erkämpft, seine Lebensform als reisender Poet, der immer wieder nach Hausach zurückkehrt.
Er hat in Kairo als Stadtschreiber gelebt, in Cambridge als Gastdozent gelehrt, in Rumänien Schreibwerkstätten veranstaltet, und nächstes Jahr reist er wieder für Lesungen nach Damaskus und Beirut. Er hat einige literarische Preise gewonnen, Stipendien genossen. Joachim Sartorius hörte ihn zum ersten Mal in München im spanischen Kulturinstitut. Am häufigsten fährt Oliver aber die zwei Stunden von Hausach nach Stuttgart. Hier gehört er zum Literaturhaus, und ganz selbstverständlich sind auch die Kollegen mit ihrem Leiter Florian Höllerer nach Hausach zur Lesung gefahren. Höllerer, in Berlin aufgewachsen, fällt an diesem Abend in der Provinz die Geschichte seines Vaters Walter Höllerer ein. Der bekannte Autor und Germanist habe stets mit großer Leidenschaft an seinem Heimatdorf Sulzbach in der Oberpfalz gehangen. Er habe immer verschmitzt behauptet, es müsse ihm erst mal einer beweisen, dass Sulzbach nicht das Zentrum der Welt sei. "Vielleicht", fügte Höllerer an diesem Abend hinzu, "schafft man es überall, wenn man es hier schafft."
Der Auftritt, die verkauften Bücher sind für Oliver das eine, das andere ist die kontinuierliche Arbeit mit jungen Leuten. Das Literaturhaus in Stuttgart, wo er all seine Bücher vorstellt und für Kollegen moderiert, bietet ihm dafür die Ressourcen. Er hat die Schreibwerkstätten für Jugendliche mitentwickelt, die Lyrik-Werkstatt leitet er. Jetzt ist die Robert Bosch Stiftung eingestiegen, das Kultusministerium und das Landesinstitut für Schulentwicklung. Literatur wird zu Unterricht, und Oliver plant mit Achtklässlern der Realschule Ostheim einen ganzen Roman.
Deswegen sind sie auch zur Vorstellung von "Unterschlupf" ins Stuttgarter Literaturhaus gekommen. Bevor es losgeht, findet ihr Deutschlehrer mahnende Worte. Eine Stunde gehe die Lesung, und in dieser Stunde wolle er keinen Ton hören. Er hätte sich keine Sorgen machen müssen - nicht, dass sie nicht manchmal gekichert hätten. Aber dann passiert, was immer passiert, wenn Oliver liest, vorträgt, singt und erklärt. Es entsteht ein Sog, der selbst Achtklässler mitzieht. Oliver ist ein begnadeter Performer. Schwarzes Hemd, schwarzer Anzug mit Weste, die schwarz umrandete Brille so tief auf der Nase, dass er über den Rand die Gesichter der Zuhörer sehen kann. Zusammen mit den beiden Jazzern Andreas Krennerich und Gerd Vierkötter entwirft er ein Klangbild aus Wörtern, Tönen und Pausen. Als die Achtklässler, die ein Drittel ihrer Deutschstunden mit Oliver verbringen, die Treppen des Literaturhauses wieder hinuntersteigen, bilden sie Wortketten in Rap-Manier.
Zu Beginn des Schuljahres hat er sie alle nach ihren Namen gefragt. Er wollte, dass sie die Geschichte erzählen, die hinter ihren Namen steckt. Also sind sie nach Hause gegangen und haben nachgefragt. Und plötzlich waren Erzählungen im Raum aus Kroatien, Albanien, der Türkei, aus Ostheim. Solche Erlebnisse begeistern José F. A. Oliver: Wenn Menschen sich plötzlich ausdrücken, wenn sie erfahren, dass das, was sie zu sagen haben, interessiert. ¸¸Und plötzlich hat die Sprache an sich wieder einen Wert."
(Stuttgarter Zeitung, 27.01.2007)
Wie der spanische Gastarbeitersohn José F. A. Oliver seine doppelte Identität entdeckt und sich nicht nur im Kinzigtal einen Namen gemacht hat
In Hausach im Schwarzwald nennen sie ihn bewundernd ¸¸de Dichter". Aber nicht nur in seiner Heimat ist José F. A. Oliver so etwas wie ein Held. Der Schriftsteller mit den andalusischen Wurzeln ist auch ein kluger Pädagoge.
Von Irene Armbruster
Auf der linken Seite saßen die Lehrer, in der Mitte die große Familie und drum herum all die anderen Hausacher und Kinzigtäler. Es ist für jedes Literaturhaus ein Erfolg, wenn 250 Menschen kommen, um Gedichte zu hören. In den Verkaufskeller der Buchhandlung Streit in Hausach strömten mindestens so viele, um José F. A. Oliver bei der Vorstellung seines neuen Lyrikbandes "Unterschlupf" zu erleben. Am Ende gab es euphorischen Applaus, und viele blieben noch lange beim Wein. Wenn Oliver in seiner Heimatstadt liest, ist es ein gesellschaftliches Ereignis.
Hausach ist umgeben vom dunkelgrünen Tannenwald, und unten im Tal trennt der Fluss Kinzig das Städtle vom Neubaugebiet. Hausach ist nicht der schönste Ort im Kinzigtal. Das sagen zumindest die Bewohner des benachbarten Haslach und Gengenbach. Es gibt einen Wochenmarkt, eine Burgruine mit einem rekonstruierten Turm, und für die "Kurgäscht" hängen Schilder wie: 400 Meter bis zum Rathaus, 600 Meter bis zur Sparkasse.
Joachim Sartorius ist schon am Vormittag aus Berlin angereist. Der Lyriker, Kritiker und Intendant der Berliner Festspiele ist keiner, den es beim Begriff Schwarzwald zu Schwärmereien hinreißt. Während auf der gegenüberliegenden Seite der Straße Kunstdüngersäcke aus der Raiffeisengenossenschaft geschleppt werden, sitzt Oliver mit ihm und den anderen Kollegen aus Berlin, Österreich und Stuttgart am Tisch vor dem Gasthaus und trinkt einen Espresso nach dem anderen. Sie alle sind gekommen, weil es ihnen wie Sartorius geht. Sie wollen dabei sein, wenn Oliver zu Hause liest, in seinem "andalusischen Schwarzwalddorf". "Das Buch kommt erst heute richtig zur Welt', wird Sartorius am Abend sagen, und die Lehrer und Lokalreporter fühlen genau, was er meint.
In Hausach ist Oliver 1961 geboren, als Sohn einer andalusischen Familie. Die Eltern waren ins Kinzigtal gekommen, weil die mittelständische Industrie Arbeiter brauchte. Metall wird erfolgreich verarbeitet, damals auch Textil. Heute ist das Industriegebiet größer als die Innenstadt um die katholische Kirche herum, wo Oliver wohnt. "De Dichter" nennen sie ihn hier. Wenn er durch die Stadt geht, grüßt ihn jeder. Wer seine Gedichte nicht liest, kennt seine Narrenchronik. Und beim "Schnurre", einer nicht erklärbaren Form von Kabarett zu Fasnacht, bei der alles und jeder durch den Kakao gezogen wird, ist Oliver der Star. Inzwischen ist er im Hausacher Elferrat, eine Art Regierung der Narren - und das in einer Narrenzunft, die der schwäbisch-alemannischen Fastnacht angehört.
Die Geschichten aus seiner Kindheit klingen wie aus dem Geschichtsbuch der Gastarbeiter: Die Eltern schuften rund um die Uhr, alle zwei Jahre wird das Auto mit Geschenken gefüllt, und nach vier Tagen Leben auf der Rückbank herzen einen die Tanten in einem andalusischen Ort. Die Verwandtschaft versteht man schlecht. Heute lebt die Mutter vier Häuser von José entfernt, die Familien der Geschwister sind Nachbarn. Dennoch ist es auch eine andere Geschichte: Das Ehepaar in der Wohnung unter den Olivers bringt dem Jungen die deutsche Sprache bei, und die Lehrer leihen ihm die Bücher aus. Heutzutage nennt man das Integration.
Als er Anfang zwanzig ist und in Freiburg studiert, bemerkt er, dass er der spanischen Sprache nur begrenzt mächtig ist. Ihn drängt die Frage nach seiner Identität. Spanischer Hausacher oder doch Schwarzwälder Andalusier? Bei der Verleihung des Adelbert-von-Chamisso-Preises 1996 nannte der Laudator ihn den Heimatdichter mit der doppelten Heimat und stellte den Vergleich zwischen dem Olivgrün des Schwarzwaldes und Andalusiens her. Auch wenn andere Themen hinzugekommen sind, bis heute untersucht Oliver die Sprachen, egal, ob es das Spanische, Katalanische (sic), das Deutsche oder Alemannische ist. Er bricht Wörter auf, setzt sie neu zusammen, spricht sie, hört ihrem Klang nach - und plötzlich entsteht ein Gefühl, eine Ahnung, was Sprache ausdrücken kann.
In dieser ersten Phase beginnt das, was er bis heute extensiv tut: das Lesen an Schulen. Es war ungewöhnlich in den achtziger Jahren im Kinzigtal: Da saß ein Gastarbeitersohn vor einer Klasse und sprach über seine Gefühle. Er trug selbst übersetzte Gedichte von Federico García Lorca vor, nahm die Gitarre, sang ein spanisches Liebeslied und erklärte, wie seine eigenen Gedichte entstehen. Oliver hat Generationen von Teenagern mit der Botschaft konfrontiert: Ich bin der andere Hausacher - und es ist verdammt noch mal eine Bereicherung für euch. Oliver ist ein erfolgreicher Erzieher. Hausach hat sich mit seinen inzwischen 41 Nationalitäten verändert. Aber Oliver hat auch Hausach verändert, "umgemodelt", wie Sartorius sagt. Im nächsten Jahr wird er zum zehnten Mal den "LeseLenz" veranstalten, Dichterfreunde und Kollegen aus aller Welt nach Hausach bringen. Vielleicht wird Hausach eine Art Donaueschingen der modernen Lyrik. Oliver hat sich ein Publikum für Literatur herangezogen. Der Dichter Rainer Kunze - und das erzählt Oliver nicht ohne Stolz - sei sehr skeptisch in die Schwarzwälder Provinz gekommen, aber begeistert wieder abgereist.
An diesem Abend in der Buchhandlung steht José F. A. Oliver im Mittelpunkt, und alle Zuhörer wissen längst, dass der Lyrikband "Unterschlupf" aus einem kosmopolitischen Erfahrungsschatz komponiert wurde und dass ihr Dichter international Erfolg hat. Oliver ist viel unterwegs in der Welt, und wenn er zurückkommt, fragen sie kurz: Wie goht"s? "Sie lassen mich hier in Ruhe ankommen", sagt Oliver, der seine Koffer immer eine ganze Weile ungeöffnet lässt. Niemand drängt, niemand verlangt Antworten. Oliver hat sich seinen Freiraum erkämpft, seine Lebensform als reisender Poet, der immer wieder nach Hausach zurückkehrt.
Er hat in Kairo als Stadtschreiber gelebt, in Cambridge als Gastdozent gelehrt, in Rumänien Schreibwerkstätten veranstaltet, und nächstes Jahr reist er wieder für Lesungen nach Damaskus und Beirut. Er hat einige literarische Preise gewonnen, Stipendien genossen. Joachim Sartorius hörte ihn zum ersten Mal in München im spanischen Kulturinstitut. Am häufigsten fährt Oliver aber die zwei Stunden von Hausach nach Stuttgart. Hier gehört er zum Literaturhaus, und ganz selbstverständlich sind auch die Kollegen mit ihrem Leiter Florian Höllerer nach Hausach zur Lesung gefahren. Höllerer, in Berlin aufgewachsen, fällt an diesem Abend in der Provinz die Geschichte seines Vaters Walter Höllerer ein. Der bekannte Autor und Germanist habe stets mit großer Leidenschaft an seinem Heimatdorf Sulzbach in der Oberpfalz gehangen. Er habe immer verschmitzt behauptet, es müsse ihm erst mal einer beweisen, dass Sulzbach nicht das Zentrum der Welt sei. "Vielleicht", fügte Höllerer an diesem Abend hinzu, "schafft man es überall, wenn man es hier schafft."
Der Auftritt, die verkauften Bücher sind für Oliver das eine, das andere ist die kontinuierliche Arbeit mit jungen Leuten. Das Literaturhaus in Stuttgart, wo er all seine Bücher vorstellt und für Kollegen moderiert, bietet ihm dafür die Ressourcen. Er hat die Schreibwerkstätten für Jugendliche mitentwickelt, die Lyrik-Werkstatt leitet er. Jetzt ist die Robert Bosch Stiftung eingestiegen, das Kultusministerium und das Landesinstitut für Schulentwicklung. Literatur wird zu Unterricht, und Oliver plant mit Achtklässlern der Realschule Ostheim einen ganzen Roman.
Deswegen sind sie auch zur Vorstellung von "Unterschlupf" ins Stuttgarter Literaturhaus gekommen. Bevor es losgeht, findet ihr Deutschlehrer mahnende Worte. Eine Stunde gehe die Lesung, und in dieser Stunde wolle er keinen Ton hören. Er hätte sich keine Sorgen machen müssen - nicht, dass sie nicht manchmal gekichert hätten. Aber dann passiert, was immer passiert, wenn Oliver liest, vorträgt, singt und erklärt. Es entsteht ein Sog, der selbst Achtklässler mitzieht. Oliver ist ein begnadeter Performer. Schwarzes Hemd, schwarzer Anzug mit Weste, die schwarz umrandete Brille so tief auf der Nase, dass er über den Rand die Gesichter der Zuhörer sehen kann. Zusammen mit den beiden Jazzern Andreas Krennerich und Gerd Vierkötter entwirft er ein Klangbild aus Wörtern, Tönen und Pausen. Als die Achtklässler, die ein Drittel ihrer Deutschstunden mit Oliver verbringen, die Treppen des Literaturhauses wieder hinuntersteigen, bilden sie Wortketten in Rap-Manier.
Zu Beginn des Schuljahres hat er sie alle nach ihren Namen gefragt. Er wollte, dass sie die Geschichte erzählen, die hinter ihren Namen steckt. Also sind sie nach Hause gegangen und haben nachgefragt. Und plötzlich waren Erzählungen im Raum aus Kroatien, Albanien, der Türkei, aus Ostheim. Solche Erlebnisse begeistern José F. A. Oliver: Wenn Menschen sich plötzlich ausdrücken, wenn sie erfahren, dass das, was sie zu sagen haben, interessiert. ¸¸Und plötzlich hat die Sprache an sich wieder einen Wert."
(Stuttgarter Zeitung, 27.01.2007)
hablemos - 2. Feb, 19:12