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Sonntag, 22. Oktober 2006

Badische Zeitung, 18. Oktober 2006

Den Leser erwartet Arbeit — äußerst lohnende
Der Dichter José F. A. Oliver präsentierte in seiner Hausacher Heimat seinen neuen Suhrkamp-Band "unterschlupf"

HAUSACH. Nach der Frankfurter Buchmesse und dem Literaturhaus Stuttgart präsentierte sich der Dichter Josè F. A. Oliver jetzt mit seinem neuen Buch "unterschlupf" vor heimischem Publikum in der Hausacher Buchhandlung Streit. Wie von früheren Buchvorstellungen gewohnt ergänzten Musiker, Gerd Vierkötter am Schlagzeug und Andreas Krennerich am Saxophon, den Dichter.

Neben Joachim Sartorius, dem ehemaligen Leiter der Goethe-Institute, und dem Leiter des Stuttgarter Literaturhauses war unter anderem ein Berichterstatter der Stuttgarter Zeitung angereist, der den Hausacher Autor auch vor heimischem Publikum erleben wollte.

Mit einem Emily-Dickinson-Zitat "water is taught by thirst" begann Sartorius: "Was Wasser ist, sagt uns der Durst — was Menschen sind, sagt uns die Sehnsucht." Sartorius betonte Olivers Verwurzelung in Hausach — die sich nicht nur in Mundartwörtern wie Säsle oder Krizzeiche erschöpft — und seine Reisen ans Ende der Welt, die sich in Bildern und Klängen von Orten wie Andalusien, der Heimat von Olivers Vorfahren, Kairo und Casablanca spiegelt. Oliver stehe in der Tradition von Dichtern wie Federico García Lorca, Konstantinos Kavafis, Paul Celan und Fuad Rifka, die auch in manchen Gedichten aufscheine. Der Hausacher wolle die besinnungslose Sprache aushebeln, die Wörter abklopfen, verschüttete Bedeutungen freilegen, er habe Lust am sprachlichen und formalen Experiment, setze ganz auf Klang und Rhythmus, erreiche oft den von Ezra Pound beschriebenen Zustand der Epiphanie. Dazu komme Olivers unglaubliche Bühnenpräsenz.

Die wollte sich aber gar nicht wie gewohnt einstellen, Oliver war zunächst sichtlich nervös. Und doch, im Zusammenspiel mit der Musik erschloss sich die Magie der Texte. Manchmal schien das Saxophon den Wortfindungsprozess nachzuahmen: Eine Phrase in den Raum gestellt, immer wieder mit minimalen Abwandlungen wiederholt, bis sich im Zusammenspiel mit dem Schlagzeug die endgültige Fassung von Klang und Rhythmus herausschälte.

Erst mit Musik, mit Olivers Stimme, stellt sich der Zauber seiner Texte ganz ein. Den Leser erwartet Arbeit. Olivers Texte sind vielstimmig, vielschichtig, vieldeutig. Schlüsselwörter wie Ohr, Auge und Zunge tauchen immer wieder in Variationen auf. Oliver spielt mit Doppelpunkten und Klammern, setzt für den Leser Pausen für Denkimpulse. Wenn Oliver vorliest, muss er sich immer für eine Version entscheiden. Dieser Festlegung entgeht er, indem er manche Texte bewusst zweimal, auf verschiedene Arten liest. Der Autor wird, was er beschreibt: "Lautschwamm" , "schreibspur ganz" .
Wendelinus Wurth

José F. A. Oliver: "unterschlupf" . Suhrkamp (ISBN: 3-518-41817-3) 12.90 Euro

Frankenpost, 14. Oktober 2006

Lyriker Oliver: Wörterfindlinge


VON RALF SZIEGOLEIT
HOF – „poesie“ schreibt er als Titel über ein einzeiliges Kurzgedicht, und das geht so: „ahornpropeller. Davon 1 ahnung von flug & luftverstreichen.“ José F.A. Oliver heißt der Dichter, der am Donnerstagabend, als Gast des Literaturbureaus und des Hofer Kunstvereins, in der Galerie im Theresienstein las. Er baue Wortpaläste selbst für die kleinsten Dinge, sagte Gastgeber Thanos Kießling von ihm.
Mit vier bei Suhrkamp erschienenen Gedichtbänden, zuletzt „finnischer wintervorrat“ und „unterschlupf“, hat sich Oliver, der 1961 als Sohn spanischer Gastarbeiter im Schwarzwald geboren wurde, einen Namen gemacht. Er war Stadtschreiber in Kairo und Dresden (damals kam er häufiger an Hof vorbei), auch Gastprofessor in den USA. Die Fachwelt lobt ihn dafür, dass er uns lösen wolle vom schweren Zungenschlag der tagtäglichen Sprache und zurückführen zu ihrem eigentlichen Ursprung, dem Klang.
„Sie werden“, sagt er seinem kleinen Hofer Publikum, „vielleicht nicht alles verstehen, das ist gut so.“ Er schreibe ja, was er selbst nicht verstehe – und freilich heiße das nicht, dass er nicht wisse, worüber er schreibe. Entwurf und unendliche Annäherung sei jedes Gedicht, ein Dialog mit sich selber, der Welt und vielen Dichtern, insbesondere den „drei Säulen der Moderne“ – Kavafis, Pessoa, Kafka.
Er erklärte und erzählte viel – vom Leben und vom Schrei-
ben –, er erleichterte den Zugang zu den Texten, indem er viele zwei Mal vortrug, und so war es, obwohl man nicht alles verstand – nein, bei weitem nicht –, ein unterhaltsamer, spannender und erhellender Abend, nicht nur eine Lesung, sondern eine poetologische Reflexion dazu.
Wo beginnt ein Gedicht? Zum Beispiel, sagt Oliver, vor einem Muhammad-Ali-Plakat, das die Erinnerung weckt an jenen WM-Boxkampf in Afrika, dessen nächtliche TV-Übertragung er mit dem Vater anschauen durfte: „wie er sein bier / wie er im unterhemd / wie er mit jedem schlag / wie er kommentierte / wie er mit jedem schlag / wie jeder schlag / wie jeder schlag erwachsensein.“
Viele Gedichte des Autors sind auf Reisen entstanden. Sie erzählen von dem, „was nicht im reiseführer steht“. Im „improvisierten versteck“ sortiert Oliver seine „wörterfindlinge“ und gelangt zum „treffsicheren stillstand des denkens“. „deine augen“, sagt er zum Abschied, „ließen mir eine uhrzeit zurück. Davon nehme ich dem kommenden 1 stunde ab.“

Neue Passauer Presse, 12. Oktober 2006

José F. A. Oliver bietet Unterschlupf im Augenfroh


Eine berührende Lyriklesung im Scharfrichterhaus



„Sie stellen wunderbare Sprachskulpturen in den Raum“, brachte es eine Besucherin der Lyrik-Lesung im Scharfrichterhaus am Dienstagabend auf den Punkt. José F. A. Oliver nahm die Zuhörer mit auf eine ebenso betörende wie verzaubernde Reise. Der Dichter andalusischer Herkunft, aufgewachsen im Schwarzwald im Mit- und Gegeneinander des deutsch-alemannischen und spanisch-andalusischen Sprachraums, war unter anderem Stadtschreiber in Kairo und Gastprofessor in Cambridge (USA). Wo immer er ist, sucht er nach Begegnungen, nach Momenten, die ihn berühren, die etwas in ihm so zum Klingen bringen, dass daraus Gedichte entstehen. „Oft ein wochen-, monate-, gar jahrelanger Prozess des Werdens“, betont er.
Vielleicht sei jedes Gedicht der Entwurf eines Gedichtes, das wir nie schreiben werden, erinnert er an Octavio Paz. Und plötzlich verbindet sich alles. Aus mehreren Geschichten wird die eigene. Wie er die berührenden Momente findet? Er schildert die Antwort eines vierjährigen Kindes auf die Frage nach seiner Lieblingsfarbe: „Manchmal blau, manchmal rot, immer die Mama.“ Viel poetische Spannung baut Oliver auf, er spricht von „einer schweren Zartheit, einem Augenfroh“, vom ins Meer gewachsenen Fernweh an einer Kaimauer auf Kuba, davon, wie sein Dichterfreund Konstantinos Kafafis sich den Tod ins Alphabet lieh oder ihn der arabische Lyriker Fuad Rifka an „die in Bücher geschlagene Zeit“ erinnerte.
Als singuläre Erscheinung unter den deutschsprachigen Dichtern hat ihn Joachim Sartorius bezeichnet. Und Fritz J. Raddatz meint: „Er gibt den Worten ein Eigengewicht - oder nimmt sie beim Eigen-Sinn -, dass Inhalte mit der Leichtigkeit von Schmetterlingsflügeln transportiert werden. Schreiben sei kein Rätsel, sagt Oliver selbst, vielmehr ein ständiges In-Dialog-Stehen mit sich selber. Er erzählt, wie ihn die Nacht des Muhammad Ali in Zaire berührt hat, ihn erwachsen gemacht hat, und das Gedicht dazu ist ein Erinnern, eine Notat, eine Huldigung an einen unvergesslichen Moment. Held war der Boxer und Held war der eigene Vater.
„Kleines Land, färbt sich rot, kleines Land ist aus Blut“, er erinnert an den spanischen Bürgerkrieg, singt a capella ein Kinderwiegenlied von F. G. Lorca. Seine Gedichtbände sind bei Suhrkamp erschienen und heißen unter anderem „fernlautmetz“, „nachtrandspuren“, „finnischer Wintervorrat“ und ganz aktuell „unterschlupf“. Letzteren fanden die Zuhörer in einer lyrischen Sprachwelt, die zugänglicher ist als viele meinen.
Stefan Rammer

Schwarzwälder Bote, 11.10.2006

Ein "unterschlupf", der die Sinne schärft

Hausach. "Das Buch geht jetzt seine eigenen Wege", schließt José F. A. Oliver seine Lesung in der Buchhandlung Streit. "Ich bin gespannt, wo es mich hinführt."

Damit ist viel gesagt: "unterschlupf", sein vierter Gedichtband im Suhrkamp Verlag, ist ein Reisebuch - in innere und äußere Welten, wie es Joachim Sartorius, Lyriker und Intendant der Berliner Festspiele, in seiner Einführung beschreibt. Andalusien, Ägypten, Marokko, diese Orte tauchen auf und wären doch nichts ohne die Wurzeln in Hausach. So ist Oliver im besten Sinn "subjektiv radikal". Er dringt tief unter die Oberfläche ein.

Beispielsweise, wenn José Oliver von seinem Ägyptenaufenthalt spricht: "Ich fühlte mich in Kairo nicht einen Augenblick lang fremd", berichtet er, weil die Straßen ihn an das Andalusien der 60er-Jahre erinnerten - und so finden beide Orte zueinander und verdichten sich. "Hautklang im Hören" schreibt der Lyriker über seine Eindrücke, die für den so offensichtlich erscheinen, der wie Oliver zu beobachten vermag. Joachim Sartorius findet daher für den Buchtitel "unterschlupf" eine passende Deutung: Es sei ein "schützender Raum", ein Buch, "in dem wir unsere Sinne messen und Antennen schärfen können". Das Besondere und Verbindende in seinem Werk sei Olivers lyrische Sprache, die das "Besinnungslose" aufbreche, durch neue Laut- und Wortfügungen "die ursprüngliche Kraft wiederentdecken" lässt. Und in allem schwingen Zärtlichkeit und Menschlichkeit mit. Das macht die besondere Atmosphäre der Lesung aus, der sich unter anderen Heinz D. Heisl und Robert Renk - langjährige Weggefährten und treue Gäste in Hausach - hingeben.

So ist der Montagabend vor allem ein sinnliches Erlebnis. Zwischen Olivers Texten improvisieren Andreas Krennerich am Saxofon und Gerd Vierkötter am Schlagzeug zu den Zeilen. Ihre Musik entzieht sich dem herkömmlichen Begreifen - so wie auch die "kostbaren Intarsien", die Joachim Sartorius in Olivers Büchern findet. "Leuchten sie ein?" Vielleicht nicht auf Anhieb, es mag zunächst mühsam sein, sich einzufinden und einzuhören. "Dann gibt es aber reiche Belohnung."

(Meinrad Kempf, Schwarwälder Bote, 11.10.2006)

Offenburger Tageblatt, Mittelbadische Presse, 11.10.2006

Zärtliche Annäherung an den Menschen
José F. A. Oliver stellte Gedichtband »unterschlupf« vor / Auf der Frankfurter Buchmesse 25-mal geklaut

Buchpremiere feierte der Hausacher Lyriker José F. A. Oliver mit der Vorstellung seines vierten beim renommierten Suhrkamp-Verlag erschienenen Lyrikbandes »unterschlupf«.
Von: Andreas Buchta, Hausach.

Viele waren am Montagabend in die Buchhandlung Streit gekommen zur Buchpremiere des Hausacher Lyrikers José F. A. Oliver: Prominente, Fachleute, Kollegen, Freunde oder einfach an Olivers Lyrik Interessierte. Begleitet wurde die Buchpräsentation von einem Duo mit Andreas Krennerich (Saxofone) und Gerd Vierkötter (Schlagzeug).»Etwas aufgeregt« zeigte sich Joachim Sartorius, Intendant der Berliner Festspiele, Freund und Dichterkollege Olivers; aufgeregt, in der Heimat des Dichters über dessen neues Buch zu sprechen. »Denn das Buch kommt erst heute richtig zur Welt!« Es sei eines der wichtigen Bücher auf der Frankfurter Buchmesse gewesen: »Es ist dort 25-mal geklaut worden – ein Merkmal seiner Wichtigkeit!« Sartorius sprach von der »Menschensehnsucht« des Dichters, die sich in der Verwurzelung in seiner Schwarzwaldheimat zeige und von der »Weltsehnsucht« bei seinen Reisen »an die Grenzen der Welt«: »Zärtliche Annäherung an den Menschen besitzt er in hohem Maße«, sagte Sartorius. Er habe bei der Reise hierher nach Hausach die »Verortung« Olivers erst richtig verstanden. Große Kunst nämlich verbinde Heimat subjektiv mit allgemeiner, weltläufiger Erfahrung. Das Buch »unterschlupf« schärfe die Sinne. Der Autor, dessen »unglaubliche Bühnenpräsenz« man erlebt haben müsse, sehe und höre genau hin, um Sprache in ihren verschütteten (und in neuen) Bedeutungen wieder sichtbar zu machen. Von seinen »äußeren und inneren Reisen« habe Oliver reiche lyrische Beute mitgebracht.José F. A. Oliver las und erzählte aus verschiedenen Büchern, immer wieder abgelöst von Andreas Krennerichs Saxofon und Gerd Vierkötters Schlagzeug, kurze Sequenzen einer leisen, »lyrischen« Musik, wie geschaffen für genau diesen Autor. Denn dessen eindringliche, tiefgehende Stimme verlangte geradezu nach dieser Musik. Oliver sprach vom »Worttrieb im Zettelkasten«, mit dem er den Wörtern nachspürt, von Gedichten, die im Haus des »seelenverwandten«, verstorbenen Dichters Konstantin Kavafis in Alexandria entstanden, von »verschütteter Helle«. Wiegenlied für LorcaEin in unerhörtem Stakkato vorgetragenes andalusisches Wiegenlied, Garcia Lorca gewidmet, ging unvermittelt über in ein gesungenes Lied, wo seine schöne Stimme noch mehr zum Tragen kam als bei den Wortvorträgen. Von Kairo erzählte der Dichter und von Casablanca und der »Handelsmetropole Gehsteig«, wo er »schreibspur ganz« ist und »der sich an die Rücken heftet«. Von einer verzaubernden »Engelin« auf der Eisbahn erzählte der Dichter und von seiner »Komplizenschaft« mit Joachim Sartorius, dem er ein ganzes Gedicht widmete. Als Abschluss zitierte er mit warmer Stimme das letzte Gedicht aus seinem Buch »unterschlupf«, ein Gedicht über Don Quichotte.Sichtlich tief beeindruckt spendete das Publikum herzlichen Beifall; im Anschluss traf man sich bei einem Glas Wein zu vertiefenden Gesprächen

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