verse, nomadenfiebrig
verse, nomadenfiebrig
José F.A. Oliver dichtet an den Grenzen der Sprachen und der Sprache
Von Jochen Werner
Wanderer zwischen den w:orten
»ahornpropeller.Davon 1 ahnung von
. ug &luftverstreichen « – auf solch
eigenwillige Art beschreibt José F.A.
Oliver das Wesen seiner »poesie « im
so betitelten Gedicht.Die Texte des im
Schwarzwald aufgewachsenen Lyrikers
andalusischer Herkunft stehen dabei,
trotz des derzeit boomenden Diskur-
ses um die sogenannte Immigranten-
literatur,durchaus einzigartig in der
deutschen Gegenwartsliteratur.Oliver
nutzt seine Position als Wanderer zwi-
schen den Welten und zwischen den
Worten – von ihm immer wieder zu-
sammengeführt in der Schreibung »w:
orten « –,um deren nur scheinbare Ein-
deutigkeit immer wieder aufzubrechen
und Verse von geradezu sprachmagi-
scher Schönheit zu schaffen:»vom zeit-
farn das wort /entzingelt/zum vers-/
gedächtnis aufgesungen /wie man per-
len reiht « (»um eine mitte «).
»1 erstes weltaufstöbern «
Olivers Lyrik ereignet sich in unter-
schiedlichen Grenzzonen;an den
Grenzen unterschiedlicher Sprachen
und Dialekte,an den Grenzen der
Identität,an den Grenzen der Seman-
tik.Und nicht zuletzt an der Grenze
zwischen Mündlichkeit und Schrift-
lichkeit;bedürfen doch einerseits die
Verse unbedingt des Vortrages,um in
ihrer Rhythmik und ihrem Klang ganz
erfasst zu werden,und sperren sich
diese andererseits doch immer wieder
gegen das laute Lesen,indem sie die
Mittel der Typographie zur Kreation
von Brüchen nutzen.»Schwer /nur
den rhythmus zu . nden /ins ohr.«
(»erstes herz «)So sind Olivers w:orte
oft »so reichbar nah « (»kompaß &
dämmerung «),und bewahren sich
doch stets ihre grundlegende Fremd-
heit,die jenen gar nicht verkopften,
sondern zutiefst emotionalen Zauber
ermöglicht,mit dem Oliver sein »ver /
schleuderHERZ &billig-/HERZ « (»ers-
tes herz «)öffnet und in die Welt trägt,
ohne banale Be . ndlichkeitslyrik zu
produzieren.Stattdessen geht es stets
auch darum,das Wesen der Gefühle
und ihres sprachlichen Ausdruckes
zu ergründen:»SPRACH /fühlpendel
(pendelHERZ)sprachherztakt /der
das sagen hält /überm bildgesumpften
grund « (»ansch:reibungen,nachts «).Es
ist »1 erstes weltaufstöbern « (»&dies
verbünden uns augennährte &schöpft
ins hören schöpft die welt «),und es ist
ein Befragen der Worte nicht nach ver-
schütteter Bedeutung,sondern nach
ihrer reinen Potenzialität.
»ausbildern &widerhören «
Es geht auch um Zeit in Olivers Lyrik,
denn »jedes gedicht ist 1 altern « (»bio-
graphisches gedicht 1 «),und das Spre-
chen ist auch immer Sprechen gegen
den Tod,der jenseits der Sagbarkeit
steht:»aber dies sprachschwere nach
/:schwere gefälle am eingekerbten /
blick aber diese abschiede und /die lip-
pen wie auggespannt fern « (»abschied
und schwer-«).In seinem stetigen Be-
harren darauf,das nicht Sagbare und
kaum Denkbare zumindest fühlbar zu
machen,treibt Oliver seine Widerha-
ken in die Sprache,die er an ihre Gren-
zen treibt und manchmal ein kleines
bisschen darüber hinaus.Dann steht
dort,monolithisch,ein poetisches,rät-
selhaftes,niemals ganz fassbares Bild.
Ja,darum geht es wohl vor allem in
Olivers Gedichten:um »ausbildern &
widerhören « (»erstes herz «).
::José F.A.Oliver:finnischer winter-
vorrat.Gedichte,Suhrkamp Ver-
lag,Frankfurt am Main 2005,105 S.
7,50 Euro.
::José F.A.Oliver:Gastling.Gedichte.
Das Arabische Buch,Berlin 1993,105
S.(Neuauflage ab April 2006 im Ver-
lag Hans Schiler)
goon-magazine.de. Magazin für Gegenwartskultur.
Nr. 17. Frühling 2006
José F.A. Oliver dichtet an den Grenzen der Sprachen und der Sprache
Von Jochen Werner
Wanderer zwischen den w:orten
»ahornpropeller.Davon 1 ahnung von
. ug &luftverstreichen « – auf solch
eigenwillige Art beschreibt José F.A.
Oliver das Wesen seiner »poesie « im
so betitelten Gedicht.Die Texte des im
Schwarzwald aufgewachsenen Lyrikers
andalusischer Herkunft stehen dabei,
trotz des derzeit boomenden Diskur-
ses um die sogenannte Immigranten-
literatur,durchaus einzigartig in der
deutschen Gegenwartsliteratur.Oliver
nutzt seine Position als Wanderer zwi-
schen den Welten und zwischen den
Worten – von ihm immer wieder zu-
sammengeführt in der Schreibung »w:
orten « –,um deren nur scheinbare Ein-
deutigkeit immer wieder aufzubrechen
und Verse von geradezu sprachmagi-
scher Schönheit zu schaffen:»vom zeit-
farn das wort /entzingelt/zum vers-/
gedächtnis aufgesungen /wie man per-
len reiht « (»um eine mitte «).
»1 erstes weltaufstöbern «
Olivers Lyrik ereignet sich in unter-
schiedlichen Grenzzonen;an den
Grenzen unterschiedlicher Sprachen
und Dialekte,an den Grenzen der
Identität,an den Grenzen der Seman-
tik.Und nicht zuletzt an der Grenze
zwischen Mündlichkeit und Schrift-
lichkeit;bedürfen doch einerseits die
Verse unbedingt des Vortrages,um in
ihrer Rhythmik und ihrem Klang ganz
erfasst zu werden,und sperren sich
diese andererseits doch immer wieder
gegen das laute Lesen,indem sie die
Mittel der Typographie zur Kreation
von Brüchen nutzen.»Schwer /nur
den rhythmus zu . nden /ins ohr.«
(»erstes herz «)So sind Olivers w:orte
oft »so reichbar nah « (»kompaß &
dämmerung «),und bewahren sich
doch stets ihre grundlegende Fremd-
heit,die jenen gar nicht verkopften,
sondern zutiefst emotionalen Zauber
ermöglicht,mit dem Oliver sein »ver /
schleuderHERZ &billig-/HERZ « (»ers-
tes herz «)öffnet und in die Welt trägt,
ohne banale Be . ndlichkeitslyrik zu
produzieren.Stattdessen geht es stets
auch darum,das Wesen der Gefühle
und ihres sprachlichen Ausdruckes
zu ergründen:»SPRACH /fühlpendel
(pendelHERZ)sprachherztakt /der
das sagen hält /überm bildgesumpften
grund « (»ansch:reibungen,nachts «).Es
ist »1 erstes weltaufstöbern « (»&dies
verbünden uns augennährte &schöpft
ins hören schöpft die welt «),und es ist
ein Befragen der Worte nicht nach ver-
schütteter Bedeutung,sondern nach
ihrer reinen Potenzialität.
»ausbildern &widerhören «
Es geht auch um Zeit in Olivers Lyrik,
denn »jedes gedicht ist 1 altern « (»bio-
graphisches gedicht 1 «),und das Spre-
chen ist auch immer Sprechen gegen
den Tod,der jenseits der Sagbarkeit
steht:»aber dies sprachschwere nach
/:schwere gefälle am eingekerbten /
blick aber diese abschiede und /die lip-
pen wie auggespannt fern « (»abschied
und schwer-«).In seinem stetigen Be-
harren darauf,das nicht Sagbare und
kaum Denkbare zumindest fühlbar zu
machen,treibt Oliver seine Widerha-
ken in die Sprache,die er an ihre Gren-
zen treibt und manchmal ein kleines
bisschen darüber hinaus.Dann steht
dort,monolithisch,ein poetisches,rät-
selhaftes,niemals ganz fassbares Bild.
Ja,darum geht es wohl vor allem in
Olivers Gedichten:um »ausbildern &
widerhören « (»erstes herz «).
::José F.A.Oliver:finnischer winter-
vorrat.Gedichte,Suhrkamp Ver-
lag,Frankfurt am Main 2005,105 S.
7,50 Euro.
::José F.A.Oliver:Gastling.Gedichte.
Das Arabische Buch,Berlin 1993,105
S.(Neuauflage ab April 2006 im Ver-
lag Hans Schiler)
goon-magazine.de. Magazin für Gegenwartskultur.
Nr. 17. Frühling 2006
hablemos - 23. Okt, 02:23