Neue Passauer Presse, 12. Oktober 2006
José F. A. Oliver bietet Unterschlupf im Augenfroh
Eine berührende Lyriklesung im Scharfrichterhaus
„Sie stellen wunderbare Sprachskulpturen in den Raum“, brachte es eine Besucherin der Lyrik-Lesung im Scharfrichterhaus am Dienstagabend auf den Punkt. José F. A. Oliver nahm die Zuhörer mit auf eine ebenso betörende wie verzaubernde Reise. Der Dichter andalusischer Herkunft, aufgewachsen im Schwarzwald im Mit- und Gegeneinander des deutsch-alemannischen und spanisch-andalusischen Sprachraums, war unter anderem Stadtschreiber in Kairo und Gastprofessor in Cambridge (USA). Wo immer er ist, sucht er nach Begegnungen, nach Momenten, die ihn berühren, die etwas in ihm so zum Klingen bringen, dass daraus Gedichte entstehen. „Oft ein wochen-, monate-, gar jahrelanger Prozess des Werdens“, betont er.
Vielleicht sei jedes Gedicht der Entwurf eines Gedichtes, das wir nie schreiben werden, erinnert er an Octavio Paz. Und plötzlich verbindet sich alles. Aus mehreren Geschichten wird die eigene. Wie er die berührenden Momente findet? Er schildert die Antwort eines vierjährigen Kindes auf die Frage nach seiner Lieblingsfarbe: „Manchmal blau, manchmal rot, immer die Mama.“ Viel poetische Spannung baut Oliver auf, er spricht von „einer schweren Zartheit, einem Augenfroh“, vom ins Meer gewachsenen Fernweh an einer Kaimauer auf Kuba, davon, wie sein Dichterfreund Konstantinos Kafafis sich den Tod ins Alphabet lieh oder ihn der arabische Lyriker Fuad Rifka an „die in Bücher geschlagene Zeit“ erinnerte.
Als singuläre Erscheinung unter den deutschsprachigen Dichtern hat ihn Joachim Sartorius bezeichnet. Und Fritz J. Raddatz meint: „Er gibt den Worten ein Eigengewicht - oder nimmt sie beim Eigen-Sinn -, dass Inhalte mit der Leichtigkeit von Schmetterlingsflügeln transportiert werden. Schreiben sei kein Rätsel, sagt Oliver selbst, vielmehr ein ständiges In-Dialog-Stehen mit sich selber. Er erzählt, wie ihn die Nacht des Muhammad Ali in Zaire berührt hat, ihn erwachsen gemacht hat, und das Gedicht dazu ist ein Erinnern, eine Notat, eine Huldigung an einen unvergesslichen Moment. Held war der Boxer und Held war der eigene Vater.
„Kleines Land, färbt sich rot, kleines Land ist aus Blut“, er erinnert an den spanischen Bürgerkrieg, singt a capella ein Kinderwiegenlied von F. G. Lorca. Seine Gedichtbände sind bei Suhrkamp erschienen und heißen unter anderem „fernlautmetz“, „nachtrandspuren“, „finnischer Wintervorrat“ und ganz aktuell „unterschlupf“. Letzteren fanden die Zuhörer in einer lyrischen Sprachwelt, die zugänglicher ist als viele meinen.
Stefan Rammer
Eine berührende Lyriklesung im Scharfrichterhaus
„Sie stellen wunderbare Sprachskulpturen in den Raum“, brachte es eine Besucherin der Lyrik-Lesung im Scharfrichterhaus am Dienstagabend auf den Punkt. José F. A. Oliver nahm die Zuhörer mit auf eine ebenso betörende wie verzaubernde Reise. Der Dichter andalusischer Herkunft, aufgewachsen im Schwarzwald im Mit- und Gegeneinander des deutsch-alemannischen und spanisch-andalusischen Sprachraums, war unter anderem Stadtschreiber in Kairo und Gastprofessor in Cambridge (USA). Wo immer er ist, sucht er nach Begegnungen, nach Momenten, die ihn berühren, die etwas in ihm so zum Klingen bringen, dass daraus Gedichte entstehen. „Oft ein wochen-, monate-, gar jahrelanger Prozess des Werdens“, betont er.
Vielleicht sei jedes Gedicht der Entwurf eines Gedichtes, das wir nie schreiben werden, erinnert er an Octavio Paz. Und plötzlich verbindet sich alles. Aus mehreren Geschichten wird die eigene. Wie er die berührenden Momente findet? Er schildert die Antwort eines vierjährigen Kindes auf die Frage nach seiner Lieblingsfarbe: „Manchmal blau, manchmal rot, immer die Mama.“ Viel poetische Spannung baut Oliver auf, er spricht von „einer schweren Zartheit, einem Augenfroh“, vom ins Meer gewachsenen Fernweh an einer Kaimauer auf Kuba, davon, wie sein Dichterfreund Konstantinos Kafafis sich den Tod ins Alphabet lieh oder ihn der arabische Lyriker Fuad Rifka an „die in Bücher geschlagene Zeit“ erinnerte.
Als singuläre Erscheinung unter den deutschsprachigen Dichtern hat ihn Joachim Sartorius bezeichnet. Und Fritz J. Raddatz meint: „Er gibt den Worten ein Eigengewicht - oder nimmt sie beim Eigen-Sinn -, dass Inhalte mit der Leichtigkeit von Schmetterlingsflügeln transportiert werden. Schreiben sei kein Rätsel, sagt Oliver selbst, vielmehr ein ständiges In-Dialog-Stehen mit sich selber. Er erzählt, wie ihn die Nacht des Muhammad Ali in Zaire berührt hat, ihn erwachsen gemacht hat, und das Gedicht dazu ist ein Erinnern, eine Notat, eine Huldigung an einen unvergesslichen Moment. Held war der Boxer und Held war der eigene Vater.
„Kleines Land, färbt sich rot, kleines Land ist aus Blut“, er erinnert an den spanischen Bürgerkrieg, singt a capella ein Kinderwiegenlied von F. G. Lorca. Seine Gedichtbände sind bei Suhrkamp erschienen und heißen unter anderem „fernlautmetz“, „nachtrandspuren“, „finnischer Wintervorrat“ und ganz aktuell „unterschlupf“. Letzteren fanden die Zuhörer in einer lyrischen Sprachwelt, die zugänglicher ist als viele meinen.
Stefan Rammer
hablemos - 22. Okt, 22:37