Frankenpost, 14. Oktober 2006
Lyriker Oliver: Wörterfindlinge
VON RALF SZIEGOLEIT
HOF – „poesie“ schreibt er als Titel über ein einzeiliges Kurzgedicht, und das geht so: „ahornpropeller. Davon 1 ahnung von flug & luftverstreichen.“ José F.A. Oliver heißt der Dichter, der am Donnerstagabend, als Gast des Literaturbureaus und des Hofer Kunstvereins, in der Galerie im Theresienstein las. Er baue Wortpaläste selbst für die kleinsten Dinge, sagte Gastgeber Thanos Kießling von ihm.
Mit vier bei Suhrkamp erschienenen Gedichtbänden, zuletzt „finnischer wintervorrat“ und „unterschlupf“, hat sich Oliver, der 1961 als Sohn spanischer Gastarbeiter im Schwarzwald geboren wurde, einen Namen gemacht. Er war Stadtschreiber in Kairo und Dresden (damals kam er häufiger an Hof vorbei), auch Gastprofessor in den USA. Die Fachwelt lobt ihn dafür, dass er uns lösen wolle vom schweren Zungenschlag der tagtäglichen Sprache und zurückführen zu ihrem eigentlichen Ursprung, dem Klang.
„Sie werden“, sagt er seinem kleinen Hofer Publikum, „vielleicht nicht alles verstehen, das ist gut so.“ Er schreibe ja, was er selbst nicht verstehe – und freilich heiße das nicht, dass er nicht wisse, worüber er schreibe. Entwurf und unendliche Annäherung sei jedes Gedicht, ein Dialog mit sich selber, der Welt und vielen Dichtern, insbesondere den „drei Säulen der Moderne“ – Kavafis, Pessoa, Kafka.
Er erklärte und erzählte viel – vom Leben und vom Schrei-
ben –, er erleichterte den Zugang zu den Texten, indem er viele zwei Mal vortrug, und so war es, obwohl man nicht alles verstand – nein, bei weitem nicht –, ein unterhaltsamer, spannender und erhellender Abend, nicht nur eine Lesung, sondern eine poetologische Reflexion dazu.
Wo beginnt ein Gedicht? Zum Beispiel, sagt Oliver, vor einem Muhammad-Ali-Plakat, das die Erinnerung weckt an jenen WM-Boxkampf in Afrika, dessen nächtliche TV-Übertragung er mit dem Vater anschauen durfte: „wie er sein bier / wie er im unterhemd / wie er mit jedem schlag / wie er kommentierte / wie er mit jedem schlag / wie jeder schlag / wie jeder schlag erwachsensein.“
Viele Gedichte des Autors sind auf Reisen entstanden. Sie erzählen von dem, „was nicht im reiseführer steht“. Im „improvisierten versteck“ sortiert Oliver seine „wörterfindlinge“ und gelangt zum „treffsicheren stillstand des denkens“. „deine augen“, sagt er zum Abschied, „ließen mir eine uhrzeit zurück. Davon nehme ich dem kommenden 1 stunde ab.“
VON RALF SZIEGOLEIT
HOF – „poesie“ schreibt er als Titel über ein einzeiliges Kurzgedicht, und das geht so: „ahornpropeller. Davon 1 ahnung von flug & luftverstreichen.“ José F.A. Oliver heißt der Dichter, der am Donnerstagabend, als Gast des Literaturbureaus und des Hofer Kunstvereins, in der Galerie im Theresienstein las. Er baue Wortpaläste selbst für die kleinsten Dinge, sagte Gastgeber Thanos Kießling von ihm.
Mit vier bei Suhrkamp erschienenen Gedichtbänden, zuletzt „finnischer wintervorrat“ und „unterschlupf“, hat sich Oliver, der 1961 als Sohn spanischer Gastarbeiter im Schwarzwald geboren wurde, einen Namen gemacht. Er war Stadtschreiber in Kairo und Dresden (damals kam er häufiger an Hof vorbei), auch Gastprofessor in den USA. Die Fachwelt lobt ihn dafür, dass er uns lösen wolle vom schweren Zungenschlag der tagtäglichen Sprache und zurückführen zu ihrem eigentlichen Ursprung, dem Klang.
„Sie werden“, sagt er seinem kleinen Hofer Publikum, „vielleicht nicht alles verstehen, das ist gut so.“ Er schreibe ja, was er selbst nicht verstehe – und freilich heiße das nicht, dass er nicht wisse, worüber er schreibe. Entwurf und unendliche Annäherung sei jedes Gedicht, ein Dialog mit sich selber, der Welt und vielen Dichtern, insbesondere den „drei Säulen der Moderne“ – Kavafis, Pessoa, Kafka.
Er erklärte und erzählte viel – vom Leben und vom Schrei-
ben –, er erleichterte den Zugang zu den Texten, indem er viele zwei Mal vortrug, und so war es, obwohl man nicht alles verstand – nein, bei weitem nicht –, ein unterhaltsamer, spannender und erhellender Abend, nicht nur eine Lesung, sondern eine poetologische Reflexion dazu.
Wo beginnt ein Gedicht? Zum Beispiel, sagt Oliver, vor einem Muhammad-Ali-Plakat, das die Erinnerung weckt an jenen WM-Boxkampf in Afrika, dessen nächtliche TV-Übertragung er mit dem Vater anschauen durfte: „wie er sein bier / wie er im unterhemd / wie er mit jedem schlag / wie er kommentierte / wie er mit jedem schlag / wie jeder schlag / wie jeder schlag erwachsensein.“
Viele Gedichte des Autors sind auf Reisen entstanden. Sie erzählen von dem, „was nicht im reiseführer steht“. Im „improvisierten versteck“ sortiert Oliver seine „wörterfindlinge“ und gelangt zum „treffsicheren stillstand des denkens“. „deine augen“, sagt er zum Abschied, „ließen mir eine uhrzeit zurück. Davon nehme ich dem kommenden 1 stunde ab.“
hablemos - 22. Okt, 22:40