Badische Zeitung, 18. Oktober 2006
Den Leser erwartet Arbeit — äußerst lohnende
Der Dichter José F. A. Oliver präsentierte in seiner Hausacher Heimat seinen neuen Suhrkamp-Band "unterschlupf"
HAUSACH. Nach der Frankfurter Buchmesse und dem Literaturhaus Stuttgart präsentierte sich der Dichter Josè F. A. Oliver jetzt mit seinem neuen Buch "unterschlupf" vor heimischem Publikum in der Hausacher Buchhandlung Streit. Wie von früheren Buchvorstellungen gewohnt ergänzten Musiker, Gerd Vierkötter am Schlagzeug und Andreas Krennerich am Saxophon, den Dichter.
Neben Joachim Sartorius, dem ehemaligen Leiter der Goethe-Institute, und dem Leiter des Stuttgarter Literaturhauses war unter anderem ein Berichterstatter der Stuttgarter Zeitung angereist, der den Hausacher Autor auch vor heimischem Publikum erleben wollte.
Mit einem Emily-Dickinson-Zitat "water is taught by thirst" begann Sartorius: "Was Wasser ist, sagt uns der Durst — was Menschen sind, sagt uns die Sehnsucht." Sartorius betonte Olivers Verwurzelung in Hausach — die sich nicht nur in Mundartwörtern wie Säsle oder Krizzeiche erschöpft — und seine Reisen ans Ende der Welt, die sich in Bildern und Klängen von Orten wie Andalusien, der Heimat von Olivers Vorfahren, Kairo und Casablanca spiegelt. Oliver stehe in der Tradition von Dichtern wie Federico García Lorca, Konstantinos Kavafis, Paul Celan und Fuad Rifka, die auch in manchen Gedichten aufscheine. Der Hausacher wolle die besinnungslose Sprache aushebeln, die Wörter abklopfen, verschüttete Bedeutungen freilegen, er habe Lust am sprachlichen und formalen Experiment, setze ganz auf Klang und Rhythmus, erreiche oft den von Ezra Pound beschriebenen Zustand der Epiphanie. Dazu komme Olivers unglaubliche Bühnenpräsenz.
Die wollte sich aber gar nicht wie gewohnt einstellen, Oliver war zunächst sichtlich nervös. Und doch, im Zusammenspiel mit der Musik erschloss sich die Magie der Texte. Manchmal schien das Saxophon den Wortfindungsprozess nachzuahmen: Eine Phrase in den Raum gestellt, immer wieder mit minimalen Abwandlungen wiederholt, bis sich im Zusammenspiel mit dem Schlagzeug die endgültige Fassung von Klang und Rhythmus herausschälte.
Erst mit Musik, mit Olivers Stimme, stellt sich der Zauber seiner Texte ganz ein. Den Leser erwartet Arbeit. Olivers Texte sind vielstimmig, vielschichtig, vieldeutig. Schlüsselwörter wie Ohr, Auge und Zunge tauchen immer wieder in Variationen auf. Oliver spielt mit Doppelpunkten und Klammern, setzt für den Leser Pausen für Denkimpulse. Wenn Oliver vorliest, muss er sich immer für eine Version entscheiden. Dieser Festlegung entgeht er, indem er manche Texte bewusst zweimal, auf verschiedene Arten liest. Der Autor wird, was er beschreibt: "Lautschwamm" , "schreibspur ganz" .
Wendelinus Wurth
José F. A. Oliver: "unterschlupf" . Suhrkamp (ISBN: 3-518-41817-3) 12.90 Euro
Der Dichter José F. A. Oliver präsentierte in seiner Hausacher Heimat seinen neuen Suhrkamp-Band "unterschlupf"
HAUSACH. Nach der Frankfurter Buchmesse und dem Literaturhaus Stuttgart präsentierte sich der Dichter Josè F. A. Oliver jetzt mit seinem neuen Buch "unterschlupf" vor heimischem Publikum in der Hausacher Buchhandlung Streit. Wie von früheren Buchvorstellungen gewohnt ergänzten Musiker, Gerd Vierkötter am Schlagzeug und Andreas Krennerich am Saxophon, den Dichter.
Neben Joachim Sartorius, dem ehemaligen Leiter der Goethe-Institute, und dem Leiter des Stuttgarter Literaturhauses war unter anderem ein Berichterstatter der Stuttgarter Zeitung angereist, der den Hausacher Autor auch vor heimischem Publikum erleben wollte.
Mit einem Emily-Dickinson-Zitat "water is taught by thirst" begann Sartorius: "Was Wasser ist, sagt uns der Durst — was Menschen sind, sagt uns die Sehnsucht." Sartorius betonte Olivers Verwurzelung in Hausach — die sich nicht nur in Mundartwörtern wie Säsle oder Krizzeiche erschöpft — und seine Reisen ans Ende der Welt, die sich in Bildern und Klängen von Orten wie Andalusien, der Heimat von Olivers Vorfahren, Kairo und Casablanca spiegelt. Oliver stehe in der Tradition von Dichtern wie Federico García Lorca, Konstantinos Kavafis, Paul Celan und Fuad Rifka, die auch in manchen Gedichten aufscheine. Der Hausacher wolle die besinnungslose Sprache aushebeln, die Wörter abklopfen, verschüttete Bedeutungen freilegen, er habe Lust am sprachlichen und formalen Experiment, setze ganz auf Klang und Rhythmus, erreiche oft den von Ezra Pound beschriebenen Zustand der Epiphanie. Dazu komme Olivers unglaubliche Bühnenpräsenz.
Die wollte sich aber gar nicht wie gewohnt einstellen, Oliver war zunächst sichtlich nervös. Und doch, im Zusammenspiel mit der Musik erschloss sich die Magie der Texte. Manchmal schien das Saxophon den Wortfindungsprozess nachzuahmen: Eine Phrase in den Raum gestellt, immer wieder mit minimalen Abwandlungen wiederholt, bis sich im Zusammenspiel mit dem Schlagzeug die endgültige Fassung von Klang und Rhythmus herausschälte.
Erst mit Musik, mit Olivers Stimme, stellt sich der Zauber seiner Texte ganz ein. Den Leser erwartet Arbeit. Olivers Texte sind vielstimmig, vielschichtig, vieldeutig. Schlüsselwörter wie Ohr, Auge und Zunge tauchen immer wieder in Variationen auf. Oliver spielt mit Doppelpunkten und Klammern, setzt für den Leser Pausen für Denkimpulse. Wenn Oliver vorliest, muss er sich immer für eine Version entscheiden. Dieser Festlegung entgeht er, indem er manche Texte bewusst zweimal, auf verschiedene Arten liest. Der Autor wird, was er beschreibt: "Lautschwamm" , "schreibspur ganz" .
Wendelinus Wurth
José F. A. Oliver: "unterschlupf" . Suhrkamp (ISBN: 3-518-41817-3) 12.90 Euro
hablemos - 22. Okt, 22:42